Heidi Jastrow

Leibhaftig oder virtuell?

 

Na endlich! Aus Sicht so mancher ist die Kirche ja oft etwas hinterher. Und vielleicht stimmt das manchmal auch. In Bezug auf Digitalisierung war sie dem Rest der Welt jedenfalls in weiten Teilen nicht voraus. Auch die Kirche hat erst eine Corona-Pandemie gebraucht, um digital in die Gänge zu kommen (abgesehen von wenigen Ausnahmen in beide Richtungen).

Die Einzelnen in den Gemeinden haben noch länger gebraucht, sich daran zu gewöhnen, den Gottesdienst am heimischen Tisch mitzufeiern. Endlich geschafft, öffnen sich die Türen zu den Gottesdiensten wieder – aber wer soll denn dann so schnell schaffen, sich schon wieder umzugewöhnen… jetzt ist das Sonntagsfrühstück eigentlich nicht mehr denkbar, ohne den Gottesdienst ‚nebenbei laufen‘ zu haben. So schön gemütlich. Die Gemeinde auf dem Bildschirm, die Kamera lieber aus, weil man ja noch im Schlafanzug sitzt, das weiche Frühstücksei ist pünktlich vor dem Abendmahl fertig, der Lobpreis klingt heute nicht so gut, ach, es reicht ja auch, erst bei der Predigt hinzuhören. Oder auch nicht. Vielleicht passt die Zeit heute auch gar nicht so. Wie hat man das bloß früher gemacht, als man noch früh (!) zum Gottesdienst ging oder fuhr, um präsentisch (auch so ein neues Wort!), also ganz leibhaftig, teilzunehmen, vielleicht sogar noch zum Vorgebet oder etwas früher wegen der eigenen Mitarbeit? Wie weit das alles weg ist…

Heute jedenfalls passt mir die frühe Zeit gar nicht. Macht nix, das Angebot im Internet ist ja breit genug. Eigentlich gefallen mir die Predigten in Gemeinde XYZ sowieso besser, und dass ich die Leute dort nicht kenne bzw. sie mich, finde ich eigentlich sehr sympathisch. Die Lobpreisqualität ist natürlich um Längen besser, wenn ich mir die originalen Musikvideos der Bands auf YouTube anhöre. Denn selber mitmachen habe ich längst verlernt, das fühlt sich so vor dem Bildschirm irgendwie lächerlich an und es kommen einfach keine Emotionen auf. Vor allem ist es anstrengend, wenn ich selber was ‚machen‘ soll. Und das erwartet Gott ja auch gar nicht, ich soll mich ja beschenken lassen…

Landauf, landab, ja sogar weltweit hört man von Gemeinden, dass sie einen großen Teil ihrer Gottesdienstbesucher und Gemeindemitglieder durch oder während der Pandemie verloren haben. Nicht nur Mitläufer und Gelegenheitsgäste, nein, auch engagierte, fest Mitarbeitende, die bis dato für Verbindlichkeit gestanden haben. Wäre es nur der Wechsel der Gemeindemitglieder von einer Gemeinde in eine andere, wäre das schmerzlich. Aber es ist viel mehr: Es ist der Verlust von Gläubigen, von Nachfolgern Jesu, die plötzlich in der Kirche keinen Sinn mehr sehen, die in der ‚Gemeinschaft der Heiligen‘ keinen Wert mehr empfinden. Menschen gleiten reihenweise ab aus der echten oder scheinbaren Verbindlichkeit und Ernsthaftigkeit in der Nachfolge hinein in eine Beliebigkeit, die nur noch die eine Frage stellt: Was gefällt mir, worauf habe ich gerade Lust? Eine Beliebigkeit, die sich selbst in den Mittelpunkt stellt, die nicht nur selbstzentriert, sondern – schlimmer – völlig selbstgenügsam ist. Ich bin mir selbst genug. Nach außen heißt es dann: Jesus und ich, wir kommen gut zusammen klar. Gemeinde brauche ich dafür nicht. Der Individualismus lässt grüßen. Und erblinden.

Warum eigentlich ist Jesus damals, vor mehr als 2000 Jahren, nicht virtuell auf die Erde gekommen? Virtuell gelebt, virtuell gelitten und gestorben, virtuell auferstanden und in den Himmel aufgefahren? Ach Jesus, damals wart ihr einfach noch nicht modern… was hättest du dir doch alles ersparen können, wenn du in deiner vorauswissenden Allmacht vor 2000 Jahren schon mal mit ZOOM, YouTube und Co gearbeitet hättest. Deine ganze Passion hättest du doch schön am himmlischen Frühstückstisch sitzend virtuell ablaufen lassen können. Dann hättest du deinen Thron gar nicht verlassen müssen, das wäre doch viel bequemer für dich gewesen. Und ehrlich, das hätte dir doch auch zugestanden! Ich jedenfalls hätte es dir gegönnt. – Doch stattdessen warst du leibhaftig hier.

Leibhaftig. Ein altes Wort, eines, das wir fast schon vergessen haben. Jesus erwählt die Kirche nicht als Zuschauer. Auch nicht als Wählergemeinschaft. Nicht als Gäste und auch nicht als distanzierte Follower in den Medien. Er erwählt die Kirche als seinen Leib. Er ist der Kopf, wir sind der Körper. Nicht virtuell, sondern leibhaftig. Aber ein Arm, der nur virtuell da ist, ein Fuß, der sich abgesetzt hat, ein Finger, der mit dem Kopf allein unterwegs sein will… das kann und wird niemals funktionieren.

Wir wissen nicht, wann das Ende der Zeit sein wird, aber sicher ist, wir kommen dem immer näher. Jesus erklärt Petrus, dass der Satan das Begehren hat, die Nachfolger Jesu durch sein Sieb zu schütteln und dabei möglichst viele durchfallen zu lassen. Aber Jesus hat bereits damals dafür gebetet, dass der Glaube auch von Petrus nicht aufhört. Jesus kündigt an, dass die Liebe vieler erkalten wird in der letzten Phase dieser Weltzeit. Vielleicht denken wir zu schnell an Nächstenliebe. Ja, die erkaltet ganz offensichtlich auch. Aber auch die Liebe zu Jesus erkaltet. Es ist nun einmal nicht möglich, einem Menschen zu sagen: Du, deinen Kopf finde ich ganz attraktiv, ab und zu möchte ich mal Zeit mit deinem Kopf verbringen. Aber bitte nur ohne den Rest deines Körpers, den mag ich nämlich gerade nicht mehr.

Leibhaftig. Jesus ist nicht von seiner Gemeinde zu trennen. Er ist nicht nur für uns gestorben und auferstanden, um uns als Einzelne zu erlösen. Er hat sich sehr weit aus dem Fenster gelehnt und sich völlig und total an seine Gemeinde der Erlösten hingegeben. Er identifiziert sich selber mit seiner Gemeinde. Ich das Haupt, ihr meine Glieder. Ich der Kopf, ihr der Körper. Und zwar leibhaftig. Sichtbar in dieser Welt, für diese Welt. Ohne diesen sichtbaren Leib wäre Jesus in der Tat eine rein ‚virtuelle Erscheinung‘ seit der Himmelfahrt vor über 2000 Jahren. Das ist also die schlechte Nachricht: Es gibt keine virtuelle Gemeinde. Die Kirche Jesu ist leib-haft, sie ist sein Körper, so einer zum Anfassen, zum Anschauen, zum Erleben. Ein Körper, der liebt, der lebt, der leidet. Ein Körper, der attraktiv ist, der Macken hat, in dem die Körperteile ganz real fest miteinander verbunden sind und sich nicht einfach voneinander lösen und mit dem Kopf alleine durchbrennen können.

Wie super, dass wir uns in Zeiten von Infektionsschutz oder anderen Nöten einfach online zum Gebet oder Gottesdienst vernetzen können. Dass wir das Gemeinsame, den Austausch und die Beziehungen nicht loslassen, die Predigt und die gemeinsame Anbetung Gottes nicht vermissen müssen. Doch immer in dem Bewusstsein, dass diese Überbrückung niemals das Leibhaftige ersetzen kann und es deshalb auch niemals ersetzen darf. Dass wir nicht aus einer herausfordernden, echten Ehe mit einer lebhaften, Wachstum hervorbringenden Auseinandersetzung in eine Fernbeziehung wechseln dürfen, in der sich die Herzen immer weiter voneinander entfernen und sich gegenseitig verlieren. Wer den Körper verliert, hat den Kopf gleich mit verloren. Denn dieser Kopf ist nicht gewillt, sich von seinem Körper trennen zu lassen.

Leibhaftig. Es braucht unsere Anwesenheit. Dass wir körperlich erscheinen, und dass wir auch wieder ‚ganz da‘ sind, mit unseren Gedanken, mit unserem Herzen, mit unserer Liebe für Jesus und zu den anderen. Dass wir uns nicht berieseln lassen, sondern Jesus aktiv anbeten, die Interaktion von Gottes Wort mit unserem Leben innerhalb der Gemeinschaft zulassen. Gemeinde geht nur leibhaftig. Es braucht vielleicht auch neuen Mut, sich der Gemeinde auszusetzen, sich hineinzugeben, ein aktiver Teil zu sein, weil inaktive Körperteile tot sind und den Leib zum Sterben bringen. Und ganz sicher braucht es auch neuen Mut, diese Wahrheit klar und deutlich auszusprechen, auch gegen den Trend, auch gegenüber der eigenen Gemeinde und im eigenen Familien- und Freundeskreis. Wir sind der Leib. Lasst uns wahrhaftig sein als Leib und in allen Stücken zu ihm hinwachsen, der das Haupt ist. In realer Liebe.

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